Bandscheibenvorfall beim Hund: plötzliche Lähmung ist ein Notfall
Der Bandscheibenvorfall (Intervertebral Disc Disease, IVDD) gehört zu den häufigsten neurologischen Notfällen beim Hund. Besonders gefährdet sind chondrodystrophe Rassen — Dackel allein machen etwa 50 % aller Fälle aus, gefolgt von Französischer Bulldogge, Pekingese, Shih Tzu und Beagle. Die Erkrankung ist altersunabhängig (oft 3–7 Jahre) und kann sich innerhalb von Stunden von Schmerzen zu vollständiger Lähmung entwickeln.
Symptome — von leicht bis schwer
Stufe 1: Schmerzen
- Akute Rückenschmerzen, Zittern
- Gekrümmter Rücken
- Schmerzlaut bei Bewegung oder Hochheben
- Trippelnder Gang, „auf Eiern" laufen
- Schonhaltung, Steifheit
Stufe 2: Schwäche
- Schwanken in der Hinterhand
- Schleifen der Hinterpfoten beim Gehen
- Wegknicken eines Hinterbeins
- Schwierigkeit beim Aufstehen
Stufe 3: Lähmung
- Vollständige Lähmung der Hinterhand
- Inkontinenz (kann nicht mehr halten)
- Hund schleppt sich auf den Vorderbeinen
Stufe 4–5: Tiefensensibilitäts-Verlust
Der Hund spürt einen Schmerzreiz an den Hinterpfoten nicht mehr (Test: festes Kneifen zwischen Zehen — keine Reaktion = Tiefensensibilität verloren). Sehr ernste Prognose. Operation innerhalb von 24 Stunden gibt noch 50–70 % Chance auf Wiederherstellung; nach 48 Stunden dramatisch schlechter.
Wie ein Bandscheibenvorfall entsteht
Bei chondrodystrophen Rassen verkalken die Bandscheiben früh und werden spröde. Bei einer Belastung (Sprung, plötzliche Drehung) kann der innere Bandscheibenkern durch den äußeren Faserring brechen und auf das Rückenmark drücken. Bei nicht-chondrodystrophen Rassen ist es meist eine langsame Degeneration (Hansen Typ II).
Was Sie sofort tun sollten
- Hund ruhig halten: keine Treppen, kein Springen, kein Spielen
- Vorsichtig in den Transport: kleine Hunde in Tasche/Box, große mit Decke als Trage (2 Personen, Rücken möglichst gerade)
- Klinik anrufen: bitte um Termin in einer Klinik mit MRT und Neurochirurgie
- Keine eigenmächtigen Schmerzmittel: humane NSAIDs sind giftig, tierärztliche nur nach Rücksprache
Diagnose und Therapie
- Neurologische Untersuchung in der Klinik
- MRT als Goldstandard zur Lokalisation des Vorfalls (CT-Myelographie als Alternative)
- OP (Hemilaminektomie/Fenestration) bei Lähmung — meist innerhalb 24 h
- Konservative Therapie nur bei Stufe 1 (reine Schmerzen) möglich: 4–6 Wochen Boxenruhe, Schmerzmittel
- Postoperativ: Physiotherapie, Schwimmen, geduldige Reha über Wochen
Vorbeugen bei Risiko-Rassen
- Brustgeschirr statt Halsband
- Sprünge vermeiden: vom Sofa, ins Auto, Treppen — Rampe nutzen
- Schlankhalten: jedes Kilo Übergewicht erhöht die Belastung
- Moderate, konstante Bewegung: Muskel-Aufbau im Rückenbereich schützt
- Bei Risiko-Rassen ab 4 Jahren regelmäßige neurologische Untersuchung
Quellen
- American College of Veterinary Internal Medicine (ACVIM) — Neurologie – Konsens-Empfehlungen zu Diagnose und Therapie von IVDD
- European College of Veterinary Neurology (ECVN) – Europäische Standards für veterinärneurologische Notfälle
- Tierärztliche Hochschule Hannover — Klinik für Kleintiere – Universitäre Klinik mit neurochirurgischem Schwerpunkt
Häufige Fragen
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